"Schule gestalten im Geiste Pestalozzis"

Eindrückliche Infoveranstaltung

mit Dr. Arthur Brühlmeier

Eine Nachlese von Oskar Jäggi, Wallisellen

Am Samstag, 19. November 2016 fand im «Spöde» in Wallisellen die 14. Generalversammlung des Vereins «Bürger für Bürger» statt. Nach Ablauf der statutarischen Geschäfte durfte der Präsident, Dr. Markus Erb, dem emeritierten Dozenten für Pädagogik, Psychologie und Didaktik, Dr. Arthur Brühlmeier, das Wort erteilen. «Schule gestalten im Geiste Pestalozzis» – ein Thema, das den Lehrerbildner und Buchautor zeitlebens beschäftigte. (Er edierte u.a. eine zweibändige Ausgabe über Pestalozzi für die Volksrepublik China.)

«Wenn ich auf mein Leben zurückschaue, ist eine meiner schönsten Erinnerungen jener Tag, als ich als frischgebackener, unerfahrener Lehrer vor den Kindern einer Gesamtschule in einem kleinen Dorf im Kanton Aargau stand. Ich sehe sie noch vor mir, die fragenden Augen dieser Kinder: „was will der wohl von uns?“.

Natürlich ist es wichtig, gute Schulleistungen anzustreben, Kenntnisse und Fertigkeiten zu erwerben, aber darin erschöpft sich Bildung nicht. Pestalozzi hat gezeigt, dass es um mehr geht als um das Erreichen vorgegebener Lernziele: nämlich um den ganzen Menschen, um seine harmonische leiblich-seelisch-geistige Entwicklung. Nur wenn die Lehrpersonen die konkreten Lernziele in den Dienst eines höheren Ganzen stellen, bewegen wir uns auf ein wirklich umfassendes Ziel zu: Menschenbildung im Geiste Pestalozzis. Doch machen wir uns nichts vor: Menschenbildung im Sinne Pestalozzis ist ein Ideal. Die Wirklichkeit sieht oftmals anders aus: Tage des Ärgers, des Misserfolgs, der Mutlosigkeit oder gar der Verzweiflung – und trotzdem ist der Ausweg immer wieder in der Orientierung an eben diesen Idealen zu finden.

Die Bildungspolitik entwickelt zunehmend mehr Druck. Die Schulen werden straffer organisiert, den Lehrern wird Teamarbeit vorgeschrieben, und sie werden in wissenschaftlich ausgearbeitete Qualitätssicherungssysteme eingebunden. Auch in der Schweiz, als einem Nicht-EU-Staat, wird die Hoch- und Fachschulbildung gemäss dem aus Amerika stammenden und von vielen EU-Staaten zur Norm erklärten Modell „Bologna“, wonach die Studenten eine vorgegebene Anzahl von Themen in normierten Zeitblöcken zu erarbeiten haben, konsequent durchorganisiert.

Gefragt ist also nicht „Bildung in Musse“, sondern effiziente, kostengünstige Ausbildung. Die jungen Menschen sollen tauglich werden für die Aufgaben in Wirtschaft und Staat. So wird die Erweiterung des Stoffplans ständig vorangetrieben. Das kommt immer gut an, denn es beweist, dass man „die Probleme an der Wurzel packen will“. Selten wird danach gefragt, ob die Schüler, die Lehrer und die Schule insgesamt dies alles auch verkraften können. War allenfalls einer von jenen, die diese ständigen Erweiterungen vorantreiben, einmal dabei, als die Eltern ihrem unmotivierten und bisher erfolglosen Kind verzweifelt zu helfen versuchten „den Anschluss nicht zu verpassen“? Hat er eine Vorstellung davon, welche Dramen sich heute in vielen Familien abspielen, weil die Kinder nicht gerne zur Schule gehen? Weil sie vom Vielen, das „durchgenommen“, aber nicht gründlich eingeübt wird, verwirrt sind? Oder hat er allenfalls ein Heilmittel zur Hand, wie sich ein Lehrer verhalten soll, wenn hochgradig verwöhnte Kinder mit aller Selbstverständlichkeit jede mit Anstrengung verbundene Anforderung abfällig kommentieren oder arrogant zurückweisen?

Für den Erfolg im Bereich der Bildung sind andere Gesetzmässigkeiten ausschlaggebend als in der Wirtschaft. Missachtet man dies, arten alle Reformen in reine Betriebsamkeit aus. Deshalb müssen sich alle, die für Bildung und Erziehung der Kinder und Jugendlichen verantwortlich sind, auf das Ursprüngliche, auf das Wesen von Bildung, Lernen, Unterrichten und Erziehen besinnen.

Es ist sinnvoll und hilfreich, in sich den pädagogischen Geist Pestalozzis und den Blick auf das Wesen und die Bestimmung des Menschen aufleben zu lassen. Wer sich in dieser Weise ergreifen lässt, ist kein Diener an einem System, kein Nachahmer, sondern ein Selbstgestalter, ein kreativ Tätiger. Ihm stehen viele Wege offen, aber er weiss auch, welches die Irrwege sind. Er weiss auch, dass es nicht genügt, Schüler zu unterrichten, sondern dass sie der Bildung bedürfen und erzogen werden müssen, damit sie ihr eigenes Leben fruchtbar gestalten können.

Vor einem Warenhaus habe ich einen gut aussehenden Mann angesprochen: „Was halten Sie für die grundlegende Aufgabe der Volksschule?“ Er dachte ziemlich lange nach und sagte dann: „Die Schule muss die jungen Menschen auf das Leben vorbereiten. Sie müssen sich in Gesellschaft, Wirtschaft und Staat bewähren“. Ich dankte und staunte. Die Antwort war präzis.

Doch ist das alles? Können wir zufrieden sein, wenn die Schulabgänger fähig sind, Zeitung zu lesen, elektronische Apparate zu bedienen, sich im Verkehr als Fussgänger und Autofahrer zurechtzufinden, die Steuererklärung auszufüllen, mit Geld umzugehen, Versicherungsverträge abzuschliessen und viele gleichgelagerte Erfordernisse der modernen Gesellschaft zu erfüllen? Sie wären so vorbereitet auf das Leben. Denn es lebt sich doch recht gut, auch wenn man nie ein Buch liest, nie ein Konzert oder Museum besucht, sich den grössten Kitsch an die Wand hängt, seine freie Zeit ziellos vertrödelt, eine Tanne nicht von einer Buche unterscheiden kann und auch nie über den Sinn des Lebens nachdenkt. Bei all dem kann man seine Bürgerpflichten erfüllen und als brauchbarer Arbeiter oder Angestellter ausreichend Geld verdienen.

Aus der Sicht Pestalozzis darf die Schule junge Menschen nicht bloss zum Funktionieren in der Gesellschaft bringen, sondern sie muss ihnen helfen, sich als eigenständige Persönlichkeit mit all ihren menschlichen Möglichkeiten zu entfalten. Bildungsqualität bemisst sich nach dem Grad an Lebensqualität, die durch die Bildung erschlossen wird. Welche Lehr- und Lernziele ermöglichen Lebensqualität? Wir Menschen möchten mehr, als uns bloss zweckmässig zu verhalten. Unser Tätigsein soll einen Sinn haben und uns das Gefühl von Spannung, Freude und Erfüllung vermitteln. Im Überwinden des bloss Zweckhaften durch Kultivierung erfährt der Mensch wirkliche Lebensqualität. Die Schulwirklichkeit soll als Lebenswirklichkeit gestaltet werden, die sich nicht einseitig an der Zukunft der Schüler orientiert, sondern ihrer gegenwärtigen Lage Rechnung trägt. Nehmen wir als Beispiel die Sprache. Wenn unsere Schüler im Denken Informationen bereitstellen und diese mittels der Sprache angemessen formulieren können, sind sie gut ausgebildet. Jedoch noch nicht gebildet: wahrhafte Bildung erfordert eine Kultivierung von Sprechen und Sprache auf die höhere Stufe des Ästhetischen: korrekte Artikulation, Atmung, Stimmführung, Modulation, Tempo, Pausen, Akzentsetzungen, Betonungen – alles Gesichtspunkte, die auch in der Musik von zentraler Bedeutung sind. Ein Unterricht, der sich an den “höheren“ Möglichkeiten des Menschen orientiert, fördert die Kräfte des Kindes ungleich mehr als einer, der sich mit dem bloss Zweckhaften zufrieden gibt.»

In der anschliessenden Diskussion wird der Referent angesprochen auf die laufenden politischen Initiativen in diversen Kantonen rund um den Lehrplan 21. Er will sich nicht instrumentalisieren lassen, denn er hat auch im Lehrplan 21 Wertvolles gefunden. «Gender-Sexualerziehung, Lehrplan 21, Fremdsprachen … das sind alles kleine Schneeballen in der grossen Lawine, die 2004 mit der Übernahme der OECD-Agenda losgetreten wurde, durch Ausschalten der Schweizer Pädagogen, durch Einführung einer zu niemandem zu Rechenschaft verpflichteten EDK und nicht zuletzt durch die Ausbildung der jungen Lehrerinnen und Lehrer an den Pädagogischen Hochschulen.»

Mehr als anderthalb Stunden in freier Rede, in gepflegter Schriftsprache – danke, Herr Brühlmeier, Sie haben den Zuhörern einen wunderschönen Samstag-Vormittag geschenkt!

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