Krise! welche Krise?

 René Machu, Impulswelle, Wettingen

Sprach der Vogel Strauss zum Faultier: «2008: Die Finanzkrise kam, man sah nicht hin und verlor. Aber jetzt, zehn Jahre später, ist alles gut. Die Party geht weiter, die Börsen brummen, die Arbeitslosen- Statistiken beruhigen wie Morphium – den heiligen Märkten, den spendablen Zentralbanken und den opferbereiten Bürgern sei Dank. Halleluja! Das Sandmännchen ist da; schlaf, Kindlein, schlaf …»

Wenn die Welt nur so einfach wäre wie die Analysen der systemtreuen Ökonomen, die immer gerne positive Anreize verbreiten, damit das Kleinvieh, das bekanntlich auch Mist macht, weiterhin munter Aktienpakete kauft, sein Geld auf die Bank trägt, pflichtschuldigst die Raten für Häuschen, Karre und Flachbildschirm abstottert, und bitte die etablierten Parteien wählt und keine bösen Populisten. Wir sind doch Bravbürger und keine Wutbürger, oder?

Wir sind vor allem zunehmend ärmere Bürger. Von frisierten Statistiken hat nämlich noch niemand gegessen. Durch geschickte Manipulation werden die Arbeitslosenzahlen geschönt, indem man Leute nicht mehr mitzählt, die die Suche nach Arbeit bereits aufgegeben haben, oder indem man so tut, als wären Menschen mit einem Mc Job – das heisst mit einem Miniarbeitspensum ohne Sozialleistungen – «beschäftigt».

Leider, lieber Herr Strauss und liebe Frau Faultier, ist das Ganze eine einzige, schamlose Augenwischerei:

Die Privathaushalte sind bis über beide Ohren verschuldet, man konsumiert auf Pump, besonders in Amerika. Wie die Kleinen, so die Grossen. Die Zinsen der Zentralbanken liegen seit längerem bei null, das heisst, Geldaufnehmen ist für die Banken gratis. Das ermuntert sie nicht etwa, längerfristig zu denken und in die Realwirtschaft zu investieren, wo meist nicht der schnelle Gewinn lockt, sondern sie beteiligen sich lieber weiterhin munter am Spekulationskarussell mit Derivaten, wo die Renditen vielversprechend und unmittelbar sind.

Aber die haben doch alle Asche auf ihr Haupt gestreut und Besserung gelobt, als sie 2008 mit Bankenrettungspaketen, bezahlt von uns Steuerzahlern, in den USA und der EU vor dem sicheren Bankrott gerettet werden mussten? Es gab doch neue Regulierungen, die Exzesse verhindern sollen?

Die Blase aus ausstehenden Derivatkontrakten ist heute bedeutend grösser als noch vor zehn Jahren. Niemand kann diese Blase präzise beziffern, aber verschiedene renommierte Ökonomen schätzen sie auf derzeit rund 700 Billionen Dollar. Das ist vermutlich eine sehr konservative Schätzung, da viele Geschäfte nicht mehr über die Börse, sondern «over the counter», also direkt zwischen zwei Parteien abgewickelt werden und sich damit jeglicher Kontrolle entziehen. Zum Vergleich: 2013 betrug das Bruttoinlandprodukt der gesamten Welt 75.6 Billionen [>>>]. Die Welt – das heisst wir – müsste also beinahe 10 Jahre malochen, ohne etwas zu verbrauchen, um die Wettschulden der Spekulanten aufzuwiegen. Viel Spass beim Ackern, aber bitte den Gürtel enger schnallen, denn ohne massive Sparmassnahmen wird’s eh nichts. Früher nannten man dies Leibeigenschaft

Ja, und die Regulierungen, die man nach der Krise einführte, können Sie getrost vergessen. Sie hatten in erster Linie den Zweck, so zu tun, als ob man der missbräuchlichen und die Volkswirtschaften weltweit bedrohenden Spekulation eine Grenze setzen würde. So zum Beispiel die «Dodd-Frank-Bill», die 849 Seiten umfasste und nicht einmal für Anwälte, die auf solche Fragen spezialisiert sind, verständlich war. Das ist natürlich Absicht, was so viele Ausnahmen hat und in derart kompliziertem Kauderwelsch abgefasst ist, öffnet Tür und Tür für alle möglichen Schlupflöcher. Dieses von Pinocchio und Pinocchia,

Obama und Hillary, als grosse Errungenschaft gepriesene Machwerk wurde von Kandidat Bernie Sanders schon im Wahlkampf der Lächerlichkeit preisgegeben und eben von Donald Trump wieder abgeschafft. Nun, mit der Abschaffung eines nutzlosen und verlogenen Gesetzeswerks ist es natürlich noch nicht getan. Dazu später mehr.

Die ganze Wirtschaft hängt derzeit am Tropf des billigen Gelds, das die Zentralbanken zur Verfügung stellen. Dieses sogenannte «quantitative easing» war das letzte Mittel, das den internationalen Organisationen blieb, um den totalen Kollaps der Weltwirtschaft hinauszuzögern, ohne am maroden, «liberalisierten» und «deregulierten» System – am Spekulationssystem – etwas ändern zu müssen. Die EZB legte so insgesamt mehr als 2 Billionen Euro auf, um damit Staatsanleihen von Schuldenstaaten wie Griechenland aufzukaufen. Natürlich nicht, damit die Menschen in Griechenland ein menschenwürdiges Leben haben, sondern weil die europäischen Gläubigerbanken einen Totalausfall des griechischen Staats und der anderen EU-Hungerleider nicht überleben würden. Nun haben die Zentralbanken aber ein Dilemma. Wie Süchtige brauchen Banken und Konsumenten immer mehr dieses Pumpgelds. Fährt man jedoch mit der Geldmengenausweitung so weiter und flutet den Markt, so entsteht früher oder später Hyperinflation, und das Geld schafft sich selbst ab. Erhöhen die Banken hingegen die Zinsen auch nur wenig, so fällt das Soufflee vom Wirtschaftsaufschwung auf Pump in sich zusammen.

Die Enteignung der Bürger ist bereits an eine Grenze gestossen. Neue Rettungspakete mit Steuergeldern für Banken (bail-out) oder eine weitere Pfändung der Guthaben im Falle eines Bankenkonkurses (bail-in) würden zu Protesten führen, mit weiteren Strafaktionen an der Urne für die politischen Hüter des Establishments. Die kriegstreiberische Aggression und die fingierte Empörung über die angebliche Einmischung Russlands in die amerikanischen und europäischen Wahlkämpfe, der Giftskandal von Salisbury, die Vorwürfe an Russland wegen seiner Stabilisierung Syriens: All dies ist die Flucht nach vorne des kollabierenden, unipolaren, westlichen Imperiums, das alles finanzpolitische Schiesspulver verschossen hat und nun die militärische Lunte zündet. Eine alte, faule Nummer: Wer auf ganzer Ebene versagt hat, dem bleibt nur noch die finale Option Krieg, um davon abzulenken.

Was ist also zu tun? Auf der persönlichen Ebene ist man gut beraten, seine Sicherheit weder im eigenen Bankkonto noch im Bargeld zu suchen. Wir haben es leider nicht mehr mit integren Bankern wie in „Asterix bei der Helvetiern“ zu tun. Auch von der neuen Droge für Leute, die lieber ihr Geld arbeiten lassen, anstatt selbst anzupacken, ist abzuraten: Bitcoin wird wie alle Schneeballsysteme nur wenige reich und viele arm machen. Solide Sachwerte, Investitionen in sinnvolle Projekte, Immobilien oder physische Edelmetalle im Schliessfach sind definitiv eine bessere Idee.

 Wie sieht es jedoch auf der makroökonomischen Ebene aus? Im Wahlkampf hat Donald Trump einerseits grosse Infrastrukturprojekte versprochen, die Arbeitsplätze schaffen, andererseits redete er davon, das Trennbankensystem Glass-Steagall wieder einzuführen. Letzteres ist die Grundvoraussetzung für einen echten, realwirtschaftlichen Aufschwung. Wir brauchen von Investmentbanken (für Spekulation) vollkommen getrennte Geschäftsbanken (für die Realwirtschaft). Nur so kann man die wertlosen Derivate beim Platzen der Spekulationsblase abschreiben, ohne dass dabei die volkswirtschaftlich wichtigen Geschäftsbanken mit in den Abgrund gerissen werden. Man unterzieht die Investmentbanken einem ordentlichen Konkursverfahren. Dann gibt es keine „too-big-to-fail“-Banken mehr, die gerettet werden müssen [>>>].

Mit einem derart stabilisierten Bankensystem lassen sich die dringend nötigen Infrastrukturprojekte erst gewährleisten. Trump hat ein Infrastrukturprojekt von 1.3 Billionen Dollar versprochen. Wie kann so etwas finanziert werden? Wie die Ökonomin Ellen Brown neulich auf «Global Research» verlauten liess, sollte man sich ein Beispiel an China nehmen. Chinas fünf grösste Banken sind mehrheitlich in Staatsbesitz. Sie haben die Auflage, in Projekte zu investieren, die dem Gemeinwohl dienen. Kredite werden also nicht für Spekulation sondern für realwirtschaftliche Projekte aufgelegt und zur Hauptsache an Staatsbetriebe verliehen, wenn es darum geht, damit Häfen, Strassen, hochmoderne Bahnen, Kraftwerke, ja neue Städte zu bauen. Eine ähnliche Funktion haben die grossen Banken mit internationaler Beteiligung (AIIB [Asian Infrastructure and Investment Bank], NDB [New Development Bank],3 BRICS-Bank).

Der Westen ist nicht China. China geht seinen eigenen Weg, der durch seine jahrtausendealte Kultur und die Erfahrung mit dem Kommunismus geprägt ist. Dennoch sollte man im Westen seine Lehren aus dem Erfolgsmodell China ziehen: Wir brauchen in den USA und in den souveränen Nationen Europas dringend eine Infrastrukturbank wie die Kreditanstalt für Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg, die völlig auf realwirtschaftliches Wachstum ausgerichtet ist. Würde man alle Finanzmittel, welche die EZB zur Tilgung toxischer Schuldtitel verschiesst, in langfristige, realwirtschaftliche Projekte stecken, so hätte man damit nicht nur Zahlen getilgt, sondern das Fundament für die wirtschaftliche Wohlfahrt kommender Generationen gelegt. Ein echtes «Investment», das im Gegensatz zu sinnlosem Konsum auf Pump oder börsenkotierter Kasinohysterie, Zukunft für Menschen schafft.

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